Hans-Joachim Röthlein im Spiegel-Interview vom 03.10.2024 zu unangekündigten Tests an Bayerns Schulen

»Das grenzt an Irrsinn«

In Bayern tobt eine Debatte über unangekündigte Tests. Schulpsychologe Hans-Joachim Röthlein erklärt, welche Schüler besonders leiden, warum er die Prüfung trotzdem für richtig hält und was das eigentliche Problem ist.

Ein Interview von Silke Fokken auf SPIEGEL.de

SPIEGEL: Herr Röthlein, bei sogenanntem Exen fragen Lehrkräfte die Inhalte der vergangenen ein bis zwei Unterrichtsstunden unangekündigt kurz schriftlich ab. Eine Petition in Bayern fordert ein Ende dieser Praxis, Ministerpräsident Söder hält daran fest. Wie blicken Sie als Schulpsychologe auf den Streit?

Röthlein: Ich stimme Kritikern zu, die sagen, dass diese Tests massive Prüfungsängste bei einigen Schülerinnen und Schülern auslösen. Teilweise sogar Panikreaktionen. So soll es nicht sein. Trotzdem bin ich grundsätzlich dafür, an »Exen« festzuhalten.

SPIEGEL: Das klingt widersprüchlich.

Röthlein: Je mehr Tests geschrieben werden, desto leichter wird es für Schüler, kleine Erfolge zu erzielen und dadurch Prüfungsstress mit Erfolg zu koppeln. Damit lässt sich die Gesamtnote auf dem Zeugnis verbessern. Die Bedeutung der einzelnen Probe, wie wir in Bayern sagen, sinkt damit. Das kann entlastend wirken.

SPIEGEL: Aber Sie sagen selbst, dass die Tests auch Ängste auslösen.

Röthlein: Wir müssen unterscheiden zwischen hochängstlichen Schülerinnen und Schülern, die durch unangekündigte Tests unter extremen Druck geraten, und denjenigen, die die nötige Stressresilienz haben, um mit solchen Situationen relativ gelassen umzugehen. Die Letztgenannten sind optimistisch, den Test gut zu bestehen. Selbst wenn das nicht klappt, sagen sie sich: »Pech gehabt. Beim nächsten Mal läuft’s besser.« Für diese Gruppen sind »Exen« kein Problem. Die Hochängstlichen leiden auch bei angekündigten Tests.

»Schüler, die Prüfungsängste haben, neigen zum Pauken und Auswendiglernen.«

SPIEGEL: Warum?

Röthlein: Schüler, die von Grund auf ängstlich sind, neigen dazu, mit jedem Scheitern eine selbstwertschädigende Katastrophe zu verbinden. Sie fühlen sich schnell als Versager. Werden die Tests angekündigt, machen sie sich schon Tage vorher Stress und bereiten sich daher unsystematisch und unproduktiv vor. Dabei sind sie ohnehin stark unter Druck, weil sie einen Terminkalender voller Leistungsnachweise haben.

SPIEGEL: Lässt sich durch unangekündigte Tests die Leistung steigern?

Röthlein: Das bezweifle ich. Schüler, die Prüfungsängste haben, neigen zum Pauken und Auswendiglernen. Und diejenigen, denen Leistungsergebnisse nicht bedeutsam sind – sogenannte Avoider – motiviert man auch mit einem unangekündigten Test nicht. Einige Kollegen sagen, die Schüler spucken auswendig gelerntes Wissen aus, das sie dann schnell wieder vergessen. Bei Vokabeltests beobachten einige allerdings positive Effekte.

SPIEGEL: Kritiker fragen sich, ob es Tests überhaupt geben muss.

Röthlein: Leistungsfeststellungstests müssen sein. Die Frage ist, ob diese benotet werden müssen. Dies ist so lange der Fall, wie der Schule die Selektionsfunktion übertragen ist. Nur mittels solcher Tests können Lehrkräfte herausfinden, ob alle gut mitkommen oder ob es Lernrückstände gibt. Gibt es sie und werden sie nicht behoben, führt das bei Schülern im späteren Verlauf meist zu neuem Stress. Mangelndes Vorwissen ist eine der wesentlichen Ursachen für Prüfungsängste.

SPIEGEL: Ängstlich oder stressresilient: Wovon hängt ab, wie Kinder mit Tests umgehen?

Röthlein: Häufig bringen sie diese Eigenschaften von sich aus mit. Es gibt Kinder, die sind biologisch stressvulnerabler als andere; auch von der Vorerfahrung, wie Familien mit Leistungsdruck und Versagen umgehen. Das Gute ist: Stressresilienz kann trainiert werden wie ein Muskel. In diesem Zusammenhang ist hochbedeutsam, dass Eltern ihre Kinder bei Misserfolg nicht mit sozialem Entzug, Enttäuschung und weniger Anerkennung begegnen. Gerade diese Kinder müssen ermutigt werden.

»Der eigentliche Hintergrund des Streits über die Exen ist der Selektionsauftrag der Schulen.«

SPIEGEL: Welchen Anteil am Leistungsdruck hat das Schulsystem?

Röthlein: Die Gesellschaft hat Schulen die Funktion gegeben, Kinder zu selektieren, um ihnen abhängig von ihrer Leistung und dem Besuch einer bestimmten Schulform einen späteren Platz in der Gesellschaft zuzuweisen. Der eigentliche Hintergrund des Streits über die »Exen« ist aus meiner Sicht dieser Selektionsauftrag. Er befördert einen Leistungsdruck, den nicht nur manche Schüler als »unmenschlich« empfinden.

SPIEGEL: Wo genau entsteht dieser Druck?

Röthlein: Manchmal wird er durch Lehrkräfte befördert, die ihrerseits unter Druck stehen. Schulen sind von einem Kontrollsystem geprägt, das, vermute ich, noch aus obrigkeitsstaatlicher Tradition stammt. Dahinter steckt die Vorstellung: Der Beamte tut nichts, wenn er nicht kontrolliert wird, Motivation entsteht über Kontrolle. Ob sich diese extrinsische Motivierung heute noch bewährt, ist nicht evaluiert.

SPIEGEL: Aber das Thema ist noch relevant?

Röthlein: In Bayern darf ein Schulleiter auch noch heute einen Lehrer unangekündigt kontrollieren. Morgens hält er mit ihm vielleicht einen netten Plausch übers Wochenende, drei Minuten später kommt er zur Unterrichtsvisitation in den Unterricht. Diese Diskrepanz finden nicht wenige Lehrkräfte wie auch Schulleiter irritierend bis verstörend.

SPIEGEL: Und davon fühlen sich Lehrkräfte gestresst?

Röthlein: Längst nicht alle. Die meisten sind verbeamtet und wissen, dass beamtenrechtlich große Hürden zu überwinden sind, bis disziplinarrechtliche Konsequenzen greifen. Andere, die von Grund auf eher ängstlich sind, fühlen sich unter Druck gesetzt.

SPIEGEL: Und das hat Folgen?

Röthlein: Dieser Druck wirkt sich auf das Klassenklima und auf das pädagogische Feeling aus. Solche angstbesetzten Lehrkräfte können gegenüber ihren Schülern überzogen streng auftreten, um unbewusst ihre eigenen Ängste zu überspielen. Wir wissen, dass es Zusammenhänge zwischen den Ängsten von Lehrkräften und denen von Schülern gibt, was sich beides mindernd auf die Arbeits- und Lernmotivation auswirken kann.

SPIEGEL: Welche Rolle spielt das Elternhaus?

Röthlein: Das werden nicht alle Eltern gern hören, aber Eltern können einen erheblichen Anteil am Leistungsdruck haben, je nachdem, welche Bildungsziele sie für ihre Kinder haben. Besonders gravierend ist es aus meiner Sicht in den Grundschulen: Bis ungefähr zur zweiten Klasse befinden sich die allermeisten Schüler in einem guten Lern- und Sozialzusammenhang. Aber dann fängt ein Konkurrenzdruck an, den man sich kaum vorstellen kann. Da geht die Frage los, wer aufs Gymnasium gehen wird. Wer eher nicht mitgeht, gehört plötzlich nicht mehr dazu, wird ausgegrenzt und ist stigmatisiert.

SPIEGEL: Aber das läuft doch offenbar unter den Kindern ab.

Röthlein: Der Druck, dass es das Kind aufs Gymnasium schaffen muss, hat sehr viel mit dem Mindset einiger Eltern zu tun. Da wird das Scheitern des Kindes in der Grundschule – wenn man denn eine Empfehlung für die Mittel- oder Realschule so nennen will – als Scheitern oder Ansehensverlust der ganzen Familie betrachtet. Das Kind steht unter erheblichem Erfolgsdruck. Eltern sitzen nachmittags oft stundenlang da und pauken mit ihren Kindern. Das ist im Sinne der Bildungszukunft des Kindes nachvollziehbar.

»Leistungsdruck ist grundsätzlich systemimmanent.«

SPIEGEL: Was müsste sich ändern?

Röthlein: Solange Schulen Kinder und Jugendliche bezüglich ihrer Bildungswege selektieren sollen, sind grundsätzliche Änderungen schwierig. Leistungsdruck ist grundsätzlich systemimmanent. Aber natürlich ließe sich viel tun, um in den Schulen einen anderen Umgang mit Tests und Fehlern zu etablieren und die Stressresilienz zu erhöhen. Prüfungsängste kann man behandeln. Das gehört zum Aufgabenfeld der Schulpsychologie.

SPIEGEL: Was können Lehrkräfte tun?

Röthlein: Die meisten Lehrkräfte wissen, dass Tests so aufgebaut sein sollten, dass zuerst die leichten und später die schweren Aufgaben kommen. So lösen Schüler die leichten Aufgaben zuerst, schöpfen Mut, der Stresslevel sinkt. Das Problem ist: Hochängstliche fangen oft bei den schweren Aufgaben an, scheitern daran, geraten unter Stress und schaffen dann auch die leichten Aufgaben nicht mehr. Lehrkräfte sollten insbesondere an Grundschulen ein Auge darauf haben.

SPIEGEL: Wie?

Röthlein: Wenn ein Lehrer merkt, dass ein Kind über dem Test sitzt und ins Schwitzen gerät, sollte er zu dem Kind gehen und es im Sinne einer Ad-hoc-Ermutigung beruhigen. Nützt das nicht, kann er Tests künftig zerschneiden und dem Kind zuerst die leichten und erst danach die schweren Aufgaben geben. So lassen sich Ängste in den Griff bekommen. Und natürlich darf es nicht mehr passieren, dass Lehrkräfte unangekündigte Tests als Druckmittel nutzen oder »Wut-Exen« schreiben lassen, weil die Schüler ihre Lernaufgaben nicht erfüllen.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Röthlein: Ein Lehrer ärgert sich über den mangelnden Lernwillen seiner Klasse und lässt einen unangekündigten Test schreiben nach dem Motto: »Jetzt zeig ich’s euch mal, damit ihr merkt, wie schlecht ihr seid.« Das geht nicht.

SPIEGEL: Was können Eltern tun, um Druck zu nehmen?

Röthlein: Es wäre hilfreich, wenn Eltern noch mehr verstehen, dass nicht nur das Gymnasium mit dem Abitur zu einem erfolgreichen Berufsleben führt. Dass ein Scheitern in der Schule nicht automatisch ein Scheitern im Leben bedeutet. Es gibt inzwischen mehrere Wege zur Hochschul- oder Fachhochschulreife. Aber im Grunde ist die ganze Gesellschaft gefragt, einen anderen Umgang mit Fehlern und Misserfolgen zu kultivieren.

SPIEGEL: Ein Beispiel, bitte.

Röthlein: Wir beobachten an weiterführenden Schulen etwa, dass überdurchschnittlich viele Mädchen hochehrgeizig sind und stark unter Leistungsdruck leiden. Das kann verbunden sein mit Essstörungen und depressiven Entwicklungen, die insbesondere seit der Coronapandemie zugenommen haben. Die Gesellschaft mit ihrem starken Trend zur Selbstoptimierung ist mitverantwortlich für diese Entwicklung. Dazu kommt, dass viele Mädchen Medizin oder Psychologie studieren wollen.

SPIEGEL: Und da ist der Numerus clausus sehr hoch.

Röthlein: Selbst mit einem Abi-Schnitt von 1,0 ist ein Studienplatz in Psychologie nicht an jeder Universität garantiert. Das grenzt an Irrsinn. Wer so eine Note erreichen will, kann sich vermutlich, von Ausnahmen abgesehen, nur vermehrt einigeln, auf Kosten sozialer Kontakte. Hätte ich das früher gemacht, hätte ich meine ganze Jugendzeit mit ihrem Auf und Ab verloren. Ein Mensch muss auch mal Fehler machen dürfen, mal scheitern! Nur so lernt er, mit Misserfolgen umzugehen.

Hier der Link zum Interview. Leider kann man das Interview nur mit einem Spiegel+-Abonnement lesen: https://www.spiegel.de/panorama/bildung/leistungsdruck-im-klassenzimmer-sie-fuehlen-sich-schnell-als-versager-a-deac4390-df2f-4eb9-81b6-74aefda3f1f9

Information: Hans-Joachim Röthlein

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