LandesverbandbayerischerSchulpsychologinnen und Schulpsychologen e.V.

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Jedes Kind kann rechnen lernen!

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Tatsächlich?
„Wenn Kinder mit Mathematik auf Kriegsfuß stehen, attestieren ihnen Experten häufig eine so genannte Rechenschwäche. Doch dieser Begriff lädt die Schuld zu Unrecht bei den Betroffenen selbst ab, meint … Lesen Sie hier den ganzen Artikel

Freie Kommunikation für Kinder und Jugendliche

Das von der Autorin Anfang Juni 2020 verfasste Plädoyer für eine uneingeschränkte Kommunikation in der Schule bilanzierte den seit 16.03.2020 geltenden Lockdown für Schulen. Die darin erhobenen Bedenken und kommunikationstheoretisch abgeleiteten Forderungen wurden auch von verschiedenen gesellschaftlichen und berufspolitischen Initiativen formuliert und führten zu für den Schulbetrieb notwendigen Lockerungen. Der Präsenzunterricht wird nach der schrittweisen Wiederöffnung des normalen Schulbetriebs nach den Pfingstferien ohne Masken durchgeführt, für das übrige Schulleben gilt ein Maskengebot. Zum Beginn des Schuljahres 2020/2021 im September soll das Abstands- und Maskengebot in den Schulen gänzlich fallen, ein positives Infektionsgeschehen vorausgesetzt.

Die grundlegenden Gedanken des Plädoyers werden im Herbst dieses Jahres dann wieder Eingang in die bildungspolitischen Diskussionen finden, wenn die inzwischen angelaufene zweite Welle der SarsCoV2 Epidemie wieder zu lokalen oder regionalen Schulschließungen führen sollte.

Anmerkung Hans-J. Röthlein

Freie Kommunikation für Kinder und Jugendliche

Ein Plädoyer für uneingeschränkte Kontakte in der Schule

Schulbesuch ist nach vielen Wochen Abstinenz wieder möglich und wird von allen Beteiligten begrüßt. Allerdings sind die Schulen mit zahlreichen Auflagen belastet, die nicht immer zielführend sind, menschliche Bedürfnisse einschränken und auch an die Grenzen der Praktikabilität stoßen. Zum Wohle unserer Kinder und Jugendlichenplädiere ich aus schulpsychologischer Sicht für uneingeschränkte Kontakte in der Schule, v. a. für die Vermeidung von Abstandsregeln Maskierung und Separierung.

Der Mensch ist ein soziales Wesen, menschliches Leben ist nur in der Gruppe möglich und hierzu ist Kommunikation unerlässlich. Daher orientiert sich die Argumentation an Paul Watzlawicks (1921- 2007; österreichischerKommunikationswissenschaftler, Psychotherapeut, Philosoph) allgemein anerkannter Kommunikationstheorie.

  1. Axiom: Man kann nicht nicht kommunizieren
  • Abstandsregeln und Maskierung erschweren die Kommunikation und senden eindeutig abweisende Signale, die verletzend wirken (können).
  • Je einschneidender die Maßnahmen sind desto deutlicher wird den Kindern und Jugendlichen die dahinterstehende Angst der Erwachsenen. Die Übertragung von Angst (vor dem Virus, finanziellen Auswirkungen…) wird begünstigt.
  1. Axiom: Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt
  • Wird die Kommunikation auf der Beziehungsseite durch Abstandsregeln und Maskierung eingeschränkt, können wesentliche menschliche Bedürfnisse nicht erfüllt werden. Sozialkontakte spielen in jedem Alter eine große Rolle und dürfen vor allem Schutzbedürftigen, die noch in der Entwicklung stehen, nicht verwehrt werden.
  • Die Mimik vermittelt unverzichtbare Beziehungsbotschaften, die für Persönlichkeitsentwicklung und Selbstkonzept von jungen Menschen eine wichtige Rolle spielen. Auch für das inhaltliche Verständnis der Botschaft ist der Gesichtsausdruck von nicht zu unterschätzender Bedeutung.
  • Erkenntnisse aus der Hospitalismusforschung zeigen, wie wichtig Zuwendung und Berührung sind. Bei langfristigem Entzug von menschlicher Begegnung ist mit Konsequenzen zu rechnen.
  • Inhaltliche Missverständnisse sind durch die dumpfe Artikulation unter der Maske unvermeidlich. Abgesehen davon ist die Artikulation mit Maske anstrengend und stellt generell ein Kommunikationshindernis dar.
  1. Axiom: Kommunikation ist immer Ursache und Wirkung
  • Es entstehen Wechselwirkungen, deren Folgen noch nicht absehbar sind.
  • Welche Haltung wird den Kindern und Jugendlichen vermittelt, wenn sie immer wieder angehalten werden, anderen bloß nicht zu nah zu kommen (Abstandsregeln)? Um die Etablierung einer Misstrauenskultur zu verhindern, sind entsprechende vertrauensbildende Maßnahmen notwendig.
  • Durch die Betonung des Schutzes anderer werden Schuldgefühle erzeugt, Risikopersonen zu infizieren oder sich nicht an die Regeln zu halten. Damit wird Heranwachsenden eine Verantwortung suggeriert, die sie überfordert.
  1. Axiom: Menschliche Kommunikation bedient sich digitaler (verbaler) und analoger (non-verbaler) Modalitäten (Ausdrucksmittel)

Analoge Kommunikation unterstützt die verbalen Aussagen und dient zur besseren Deutung der inhaltlichen, sprachlichen Aussage. „Eine Geste oder eine Miene sagt uns mehr darüber, wie ein anderer über uns denkt, als hundert Worte.“ (Menschliche Kommunikation. Paul Watzlawick, Janet H. Beavin, Don D. Jackson, 2000, S. 64)

  • Fehlende Gesichtszüge stellen also ein erhebliches Defizit für das Verstehen von sprachlicher Kommunikation dar. Heranwachsende beobachten ihre Bezugspersonen genau und sind bei der Suche nach Identität auf deren Informationen angewiesen.
  • Besonders für Kommunikationsprozesse unter den Gleichaltrigen (Peers) sind mimische Signale nötig, um das Gesagte zu deuten, da junge Menschen sich noch nicht immer exakt artikulieren können.

Fazit:

  • Nicht nur Watzlawicks Axiome betonen den Stellenwert von Kommunikation in ihren verschiedenen Facetten, sondern auch der gesunde Menschenverstand will Kindern und Jugendlichen zwischenmenschlichen Umgang und ein kindgerechtes Leben ermöglichen sowie vor Schaden bewahren.
  • Das Lüften der Maske und damit das Gesicht zu zeigen, ist – nicht nur im Umgang mit Kindern und Jugendlichen – eine selbstverständliche Voraussetzung für eine gelingende Kommunikation. Ebenso gehört die Möglichkeit zu Körperkontakt zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse.
  • Mit zunehmender Dauer von einschränkenden Maßnahmen ist die Verhältnismäßigkeit (Schutz der Heranwachsenden vs. Barriere/Hindernis für die Entwicklung) zu berücksichtigen, um psychische und soziale Konsequenzen zu vermeiden. Welche Maßnahmen sind angemessen und können eingehalten werden (und werden nicht, z. B. vor dem Schulhaus, konterkariert)?
  • Das Recht der Kinder auf Bildung legt die UN-Konvention der Kinderrechte, Art. 28 fest. Es bleibt jedoch die Frage offen: Haben Kinder auch ein Recht auf ‚normale‘ (?) Bildung?
  • Kinder tragen keine Verantwortung für Erwachsene. So ist es nicht statthaft, die kindliche Unbeschwertheit und ungestörte Entwicklungsmöglichkeiten (durch Unterbinden kommunikativer Kontakte) für das (gesundheitliche) Wohl ihrer Erzieher einzufordern. Zum Schutz von Lehrkräften und Schulpersonal müssen andere Vorkehrungen getroffen werden.

Dass eine uneingeschränkte Kommunikation für die Entwicklung junger Menschen von großer Bedeutung ist, ist sicherlich unbestritten. Mein Plädoyer möchte deren hohen Stellenwert für die Jugend besonders betonen und zu konsequenten Entscheidungen für uneingeschränkte Kontakte in der Schule ermutigen.