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SARS-CoV-2: Wie kann die Psychologie den Menschen helfen?

Reflexionen zur Bewältigung von Angst

Verfasser: Knape, Regina/ Röthlein, Hans-J. im Juli 2020

  1. Vorüberlegungen und Beobachtungen

Angst ist der Motor für die Entwicklung der Menschheit. Sie warnt vor Gefahren, sie vermag den Menschen zu schützen und gleichzeitig durch die Konfrontation mit ihr den Menschen zu beflügeln. Ohne Angst und die Versuche, diese zu überwinden, hätte sich die Menschheit wohl nicht entwickeln können.

Im Mittelpunkt  der Überlegungen steht die Zielsetzung, einige zentrale, für die Bewältigung von Angst förderliche Haltungen zu benennen und zu stärken und damit das Bewusstsein von der eigenen Selbstwirksamkeit in verschiedenen Lebensfeldern und Rollen zu erhöhen. Intentionen, denen sich auch die Psychologie in der Schule verpflichtet sieht.

Die Formulierung der folgenden Gedanken wurde ausgelöst durch die SARS-CoV-2 -Entwicklungen. Sie nehmen zwar auch Bezug auf diese pandemische Erscheinung, sind jedoch aus deren Kontext herauslösbar und übertragbar auf andere Ereignisse, die die vorhandenen Bewältigungsmechanismen des Menschen zumindest aktuell übersteigen.

Das unheimliche Unbehagen

Die Entwicklung der SARS-CoV-2 Pandemie löst bislang bei der Mehrheit der Bevölkerung eine tief verwurzelte Urbefindlichkeit aus: ein sorgenvolles bis unheimliches existentielles Unbehagen. Diese tiefe Verunsicherung weist einen anderen Charakter und eine andere Erlebensqualität auf als die in der überschaubaren jüngeren Vergangenheit erlebten Katastrophen und Krisen: Die SARS-CoV-2 Pandemie ist keine Naturkatastrophe, keine von Menschenhand bewirkte Gewalttat, kein Schicksalsschlag und kein belastendes Life-Event.

Der Unheilbringer ist die Natur in Form eines mit den Sinnen nicht wahrnehmbaren Virus, welches in einer dimensionalen Ausprägung von unbemerkt/harmlos bis hoch aggressiv/tödlich auftreten kann. Die bisherige Unbeherrschbarkeit von SARS-CoV-2 kann die hybride Haltung des Menschen gegenüber der Natur in Frage stellen und desillusionieren. Bezüglich der Beeinträchtigung des menschlichen Organismus durch das Virus ist trotz weltweiter Forschungsbemühungen immer noch zu wenig bekannt, individuelle Risiko- und Schutzfaktoren bedürfen einer weiteren wissenschaftlichen Klärung.

Biologisch gesehen entstammen Virus und Mensch derselben irdischen Natur. Metaphorisch betrachtet ähnelt das Virus in seinem Verbreitungsmodus bestimmten Verhaltensweisen des Menschen: es vermehrt sich wie der Mensch über ein ungebremstes Wachstums-Paradigma und es vermag in falscher Sicherheit zu wiegen und zu täuschen, indem eine Infektion asymptomatisch verlaufen kann. (s. Anm. 0)

Das Virus hat sich biologisch maskiert (Mimikry-Verhalten) und verbreitet sich offen wie verdeckt gleichsam im sozialen Nahraum über zufällige/gewollte Begegnungen, über vertraute wie fremde Personen gleichermaßen. Der Nähe und Trost spendende Nächste kann zu einer unmittelbaren, zu einer Vorsicht gebietenden und Misstrauen erweckenden Bedrohung werden. Das eigentlich angstdämmende Bedürfnis nach körperlicher Nähe und Zuwendung wirkt nun gleichzeitig angstauslösend. Verbundenheit durch soziale Distanz aufzubauen – ein Paradox – verinnerlicht der Mensch nur langsam. Die gespeicherte Koppelung: Feind-Distanz und Freund-Nähe wandelt sich in ein neues generalisiertes Verhaltensmuster: Distanz ist für Freund und Feind gleichzeitig ein gebotenes Muster.

Die wissenschaftlich und pragmatisch berechtigten, immer wieder von virologischer Seite erhobenen Warnungen vor einer exponentiellen Entgleisung des Infektionsgeschehens mit Millionen von Toten blieb und bleibt allerdings abstrakt bzw. findet nicht durchgängig Eingang in das antizipierende Vorstellungsvermögen. Da die möglichen potenziellen Ausmaße der Bedrohung nicht unmittelbar augenscheinlich und begreifbar sind, erscheinen gebotene Handlungsanpassungen nicht zwingend und einsehbar genug, wie Presseberichte über die jüngsten Infektionsketten in Deutschland (s. Anm. 2) oder die merkantile Ignoranz gegenüber den Hygienevorgaben im Umfeld von Schlachtbetrieben und die auf Massenschlachtung ausgerichteten Arbeitsvollzüge in den Schlachtbetrieben selbst nahelegen (Corona-Ausbruch in einer Großschlächterei im Lkr. Gütersloh Anfang Juni 2020).

Und genau diese, dem menschlichen Verhalten inhärente Tendenz zur Inkonsequenz, gepaart mit Uninformiertheit, Sorglosigkeit, Nachlässigkeit, ideologisch verbrämter Gefahrneutralisierung, bietet dem Virus den idealen Nährboden für seine Verbreitung.

Apokalyptische Reiter

Ob SARS-CoV-2 ein apokalyptischer Reiter werden wird, ist noch offen, die Angst davor ist real. Das Potenzial dazu scheint das Virus zu haben, derzeit (Stand Ende Juli 2020, John Hopkins Universität) hat es ca. 635 000 Todesoper weltweit gefordert (s. Anm.3). Vielleicht aber ist SARS-CoV-2 lediglich ein Vorbote eines vergleichsweise oder noch erfolgreicheren apokalyptischen Reiters des beginnenden Zeitalters der Digitalisierung. Dann könnten die zur Eindämmung des SARS-CoV- 2 Virus eingezogenen Maßnahmen eine (bisher hierzulande) gelungene Blaupause sein.

Gegen die Ohnmacht: Angstabwehr und Angstbewältigungsstrategien

Medial vermittelte Bilderfluten und Höreindrücke sowie der notwendige warnende Bezug in den AV- und Print-Medien auf pandemische Zentren in Italien und den USA haben vorhandene Phantasien des ohnmächtigen Ausgeliefertseins ausgelöst, befördert und beflügelt, insbesondere bei den Personen, die von Ihrer Persönlichkeit her ein gewisses Ausmaß an Ängstlichkeit mitbringen oder die bereits im Vorfeld erheblichen biologischen und sozio-ökonomischen Belastungen  exponiert waren. „Es soll nicht so werden wie…“ suggeriert dem Gehirn über den hörbaren Potentialis eine bereits eingetretene unmittelbare Realität. Die schwer erträgliche Bedrohung wird mit verschiedenen „Hausmitteln“ bekämpft.

Es ist die Zeit der von Sigmund und Anna Freud beschriebenen Mechanismen der Angstabwehr oder mit einem anderen Begriff: der Copingstrategien (s. Anm. 1). Beide Mechanismen – Angstabwehr und Coping – können dysfunktional oder förderlich sein.

Evolutionsbiologische Abschottungstendenzen sowie kollektiver und individueller Überlebenskampf, der erlernte soziale und ethische Standards schwächen kann, sind genauso im Reaktions- und Verhaltensrepertoire wie solidarisches Zusammenrücken (siehe die hier weit verbreiteten „Hamsterkäufe“ oder das „Ansingen gegen Corona“ in Italien).

Durch die  medial präsentierte Einschätzung der realen Gefahr wird eine nächste Gefahr aufgebaut: Es bilden sich, wie in den vielen Umfragen zur Corona-Epidemie in Deutschland ersichtlich, Bewertungsextreme aus: Verharmlosung auf der einen (etwa durch Betonung der zahlenmäßigen Relation der Erkrankten zur Gesamtbevölkerung) und Panik auf der anderen Seite (Betonung eines völligen sozialen und ökonomischen Stillstands) (s. Anm. 4).

Last but not least lässt sich die Vielzahl der Stimmen aus allen Bereichen der Gesellschaft, die jetzt von Vater Staat eine finanzielle Unterstützung anfordern, tiefenpsychologisch als kollektive Regredierung deuten. Dabei richten nur wenige Stimmen ihr Augenmerk darauf, dass sich aus diesen Milliardenbeträgen von Transferleistungen wahrscheinlich finanzielle  Einschränkungen und Belastungen für die „Nach-Corona-Zeit“ und für die nachwachsenden Generationen ergeben.

  1. Grundaussagen der Psychologie

Für die angestrebte gesundheitliche Beherrschung des Virus sowie für die Eindämmung der sozialen und ökonomischen Folgen ist die Menschheit auf ein interdisziplinäres Vorgehen einer weltweiten Forschungsallianz angewiesen, auf Austausch und Abstimmung über Ländergrenzen und über politisch-ideologische Grenzen hinweg.  

Die Psychologie, die als Wissenschaft mit ihren verschiedenen Teildisziplinen das Verhalten und Erleben des Menschen im Fokus hat, vermag wesentliche Grundaussagen beizutragen. Aus diesen lassen sich Leitziele für das berufliche Handeln von Schulpsychologinnen und Schulpsychologen ableiten.

Grundaussage 1: Die Bedeutung der Grundbedürfnisse

Der Mensch ist – anthropologisch betrachtet – nach der Geburt hineingeworfen in eine soziale und seelisch-geistige Existenz. Seinen Grundbedürfnissen entsprechend sucht er nach körperlicher und seelischer Nähe (zu Menschen oder Tieren) wie auch nach virtueller und spiritueller Zugehörigkeit. Er ist auf Bindung und Verbindung im Sinne eines gemeinsamen Sinnzusammenhangs angewiesen (vgl. Modell der Bedürfnispyramide von Maslow).

Gelebte soziale Distanz, insbesondere zu engen Familienangehörigen und Bezugspersonen, fällt vielen Menschen schwer, für manche ist sie unerträglich. Das Erleben von Heimweh lässt die aktuell für viele Menschen schmerzhafte Vereinsamung und die Sehnsucht nach körperlicher Nähe und sozialer Gemeinschaft erahnen.

Unter der Bedingung der seelisch-geistigen Verbundenheit bzw. des Verbundenheitsgefühls vermögen sich manche Personen mit dem Alleinsein zu arrangieren, nicht jedoch mit der erlebten und gefühlten Einsamkeit. Im Kontext der Corona bedingten Kontaktsperre zu Angehörigen in Altersheimen wurde vom Eintreten eines psychogenen Todes berichtet, welcher auch unter dem Aspekt der Hospitalisierung betrachtet werden kann.

Leitziel 1: Entzerrung des sozialen Lebens und Rückbesinnung auf eine beschauliche Lebenseinstellung, die das innere Erleben auffüllt und das Einssein mit sich selbst fördert.

Grundaussage 2: Die Bedeutung der Rationalität

Im Rahmen des Forschungsprogramms „Subjektive Theorien“ wurde von Norbert Groeben et al. das Menschenbild des reflexiven Subjektes ausgebildet, nach der das Selbstbild einer Person dessen beobachtbare Sprach-, Denk- und Handlungsstrukturen modelliert. In der Folgezeit rückte die archaische Bedeutung der selbstbildregulierenden Narrative wieder in den Vordergrund. Für den Menschen als psychologisches Erkenntnis-Objekt wird dabei die Rationalitätskompetenz postuliert. Nachvollziehbarkeit und Begründbarkeit dienen als Grundlage für Narrative.

Das Rationalitätsprinzip schützt jedoch nicht vor Interessensgebundenheit rational nachvollziehbarer Narrative, wie sich aus der derzeitigen Debatte um die Schulöffnungen ablesen lässt. Virologen und Epidemiologen haben einen anderen Erkenntnisgegenstand und auch ein anderes pragmatisches Interesse als z.B. Vertreter/innen der Kinder- und Jugendmedizin oder Bildungswissenschaftler/innen. Die Priorisierung dieser Interessenprägungen ist Aufgabe der Politik, obliegt aber auch jedem/jeder Einzelnen. Daher wird jede/r, zuletzt aus eigenen biografisch konnotierten, auch ethischen Grundeinstellungen, eine persönliche Präferenz bzgl. der verschiedenen Interessensstandpunkte herausbilden.  

Die mit der Rationalität einhergehende Grundhaltung sollte sich dabei auch immer am altrömischen Leitspruch aus der Rechtsprechung orientieren: Audiatur et altera pars.

Leitziel 2: Vernunftorientierte Argumentation auf der Grundlage diskursiver Austauschprozesse, besonders in kleinräumigen Soziotopen, die mystifizierende Narrative erzeugen bzw. weiterverbreiten.

Grundaussage 3: Die Bedeutung des Verhaltens

Zum Überleben benötigt das Virus immer wieder Neuinfektionen, d. h., es wäre und ist durch soziale Distanzierung, konsequente und rechtzeitige Kontaktbeschränkung über einen relativ überschaubaren Zeitraum von wenigen Wochen lokal und regional beherrschbar.

Die Erkenntnis, dass Disziplin bei der Umsetzung der Sicherheits- und Hygienemaßnahmen in Deutschland eine erhebliche Rolle gespielt haben könnte, beginnt allerdings zu bröckeln und weicht zunehmend einem Verständnis von staatlicher Unzumutbarkeit und Einschränkung von persönlicher Freiheit. Verbreitete Sinnsurrogate wie Konsum und Selbstinszenierung fordern die gewohnten Alltags- und Freizeitpräferenzen heraus, gepaart mit Zuständen der Vermassung, sei es bei Events, im Verkehr oder in den urbanen und suburbanen Einkaufs- und Erholungsarealen. So sei die touristische „Rückeroberung von Mallorca“ (Anspielung auf die historische Reconquista der von den islamischen Almohaden beherrschten Insel durch  König Jakob I von Aragon im Jahr 1229) wichtiger gewesen als eine Begleitforschung bzgl. der Effekte von kontrollierten und differenzierten Öffnungen nach dem Lock-down, bemängelt der Statistikprofessor Gerd Antes in einem Interview mit dem Deutschlandfunk vom 16.06.2020 (s. Anm. 5). Eine subtile psychische Abhängigkeit von „Ersatzreligionen“ wie Freizeitspaß, Sonnenbäder und Urlaubsreisen hat möglicherweise bei vielen Menschen einen weiteren Bedürfnisaufschub verhindert.

Leitziel 3: Reflexive Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Sinnsurrogat Konsum, dem nicht hinterfragten Paradigma der Vermassung des Erlebens, der megalopolen Verdichtung mit ihren stressinduzierenden urbanen Verkehrs-Lebensformen sowie, im Umgang mit sich selbst, die Bereitschaft zur zumindest zeitweisen inneren und äußeren Askese.

  • Disziplinen der Psychologie

Den oben aufgeführten Grundaussagen und Leitzielen, die zu einer inneren Haltung ausreifen können oder könnten, lassen sich psychologische Theorien und Erkenntnisse aus verschiedenen Teildisziplinen der Psychologie zur Seite stellen.

Sozialpsychologie: Ambiguitätstoleranz und Konsequenzmanagement

Aus der Sozialpsychologie wissen wir, dass die Selbststeuerung des Menschen von vielen Faktoren wie Einsichtsfähigkeit, antizipierendes Denken, Alltagstheorien, mikro-soziotopische, milieutypische und politisch gefärbte Narrative usw. beeinflusst wird. So hält sich der Mainstream der Bevölkerung aus Vernunft- und Einsichtsgründen bislang noch an die Vorgaben der Infektionsbekämpfung nach dem Infektionsschutzgesetz (IfSG), obwohl sie den inneren Überzeugungen oder auch den unmittelbaren Bedürfnissen entgegenstehen mögen. Diese mit Ambiguitätstoleranz beschriebenen Fähigkeiten, widersprüchliche Erwartungen und Bedürfnisse auszuhalten und auszubalancieren, ist in der Gesellschaft in individuell unterschiedlicher Ausprägung verteilt. Um den Schutz anderer Personen zu gewährleisten, bedarf mangelnde Fähigkeit zur Ambiguitätstoleranz als Korrektiv eine außengeleiteten Steuerung und ein stringentes Konsequenzmanagement. Dabei sind  wiederkehrende Appelle an die Vernunft  und die Compliance notwendig, aber nicht immer ausreichend genug. Diese Erkenntnis der Sozialpsychologie stellt den mündigen, selbstreflexiven Menschen und das an Vernunft und Aufklärung orientierte Bürgerideal in Legitimationszwänge und damit das demokratische Gesellschaftmodell schlechthin.

Kognitions- und Emotionspsychologie: Kontroll- und Schutzbedürfnis

Die Kognitions- und Emotionspsychologie hat beleuchtet, dass das Phänomen Angst über die  Komponenten Unsicherheit, Hilflosigkeit und Bedrohung konfiguriert ist und starke willentliche und unwillkürliche Anteile beinhaltet. Angst ist Kognition und Emotion zugleich, aus Angst heraus können dysfunktionale Denkmuster (v.a. Mythenbildungen, Orientierung an Falschmeldungen) und überstürzte unstrukturierte Handlungsweisen (fight/flight/freeze) entstehen. Unter Angst steigt die Abgrenzung zum Mitmenschen an, Angst vermag zu entsolidarisieren, zu polarisieren sowie die Wirklichkeit zu verzerren, insbesondere, wenn die Kontrollfunktion der Angst schwindet, d. h., wenn der Mensch seine Überzeugung verliert, zu seiner Sicherheit in die Umwelt eingreifen zu können. Ebenso steigt unter Angst das Bedürfnis nach Schutz und Gefolgschaft, nach regressiver Unterwerfung unter Personen, denen Autorität und Stärke zugesprochen wird.

Angst vermag jedoch per se, quasi in „gereinigter“ Form vorhandene Energien zu bündeln, Gemeinschaften und Gemeinsinn zu stärken und Resilienzkräfte zu mobilisieren.

Angst zu Furcht wandeln – Wachsamkeit und Fokussierung

Als „gereinigte“ Form von Angst ist die Furcht zu verstehen, sie erleichtert den Umgang mit den genannten Komponenten und Auswirkungen der Angst. Furcht als innere Ausrichtung stellt Gefahren in den Fokus des Bewusstseins. Aus der Recherche über die Gefahren kann zum einen ein tragfähiges ausreichendes Informationsgerüst über die Bedrohung entstehen, aus dem eine Sicherheitsstruktur erwachsen kann. Zum anderen ist Furcht förderlich, diese verdichtete Information in eine Sinnstruktur einzubetten, die Gesinnungsethik und Verantwortungsethik in gleicher Weise berücksichtigt und zur Geltung bringt.

Furcht korrigiert somit lähmendes Erschrecken, ignorante Überheblichkeit oder ängstliches Eingeschüchtertsein und erleichtert die selbstregulative Befolgung normativer und ethischer Vorgaben einer praktischen Vernunft. Zusammen mit wacher Aufmerksamkeit und realitätsangemessener Einschätzung des eigenen Handelns könnte Furcht die Sicherheit und das Sicherheitsgefühl stärken und eine neue sinngeleitete Ordnung in die Corona geprägte „neue Normalität“ bringen. Wesentlich ist es, dass Furcht es dem Menschen erleichtert, die Bedrohung zu versprachlichen, um diese dann neu denken zu können und den bei der Angst zu beobachtenden Generalisierungseffekt auf andere Situationen zu verhindern.

Klinische Psychologie: Selbstwirksamkeitserleben

Aus dem Blickwinkel der klinischen Psychologie stellt anhaltendes Angsterleben einen Risikofaktor für die Entstehung und Chronifizierung von Depressionen dar. Evidenzbasierte Modelle in der psychologisch-klinischen Behandlung berücksichtigen den engen Zusammenhang beider Störungsbilder.

Die Hilflosigkeit beim Angsterleben mutiert zur Hoffnungslosigkeit bei Depressionen und damit verbunden zur Überzeugung, durch eigenes Zutun keinen Einfluss mehr ausüben zu können (Verlust der Selbstwirksamkeitsüberzeugung). Bereits im Vorfeld der Corona-Krise bildeten verschiedene Gesundheitsmonitore ein Ansteigen der depressiven Entwicklungen in allen Altersbereichen der Bevölkerung ab. Zu besonders gefährdeten Personenkreisen zählten die sozio-ökonomisch schwächeren Bevölkerungsteile, die unvollständigen Kernfamilien und die Familien in prekären Lebensumständen, die auch an den Auswirkungen des Lock-down besonders zu leiden hatten.

Nun werden die ersten empirischen Untersuchungen veröffentlicht, die einen vermuteten Anstieg von psychischen Störungen aufgrund des sozialen Verstärkerentzugs während des Lock-down zu bestätigen scheinen. Von Forschungsseite wird vermutet, dass Anstieg und Schwere von depressiven Störungen auch über das Ende der akuten Pandemie hinaus bestehen bleiben. Die Private University of Applied Sciences in Göttingen veröffentlichte Anfang Juni 2020 erste Ergebnisse einer Online-Befragung, die auf eine Verfünffachung des Anstiegs schwerer Symptombelastung bei Depressionen insbesondere im Alterscluster
18 -25 Jahre hinweisen. Auch bei anderen psychischen Störungen, z.B. bei Essstörungen, ließ sich ein Trend nach oben erkennen.

Gesundheitspsychologie: Arbeitsschutz für Personal und Klientel

Wesentliche Forschungsfelder der Gesundheitspsychologie befassen sich mit dem  Arbeitsschutz am Arbeitsplatz. Arbeitsschutzgesetze auf Bundesebene (1996, 2019) und die Richtlinien zum Vollzug des Arbeitsschutzgesetzes im öffentlichen Dienst des Freistaats Bayern (2000) legen Arten der Gefährdung sowie eine Gefährdungsbeurteilung in mehreren Schritten fest. Im Falle des Corona-Virus handelt es sich um eine biologische Gefahrenquelle, die erhebliche körperliche Schädigungen und seelische Belastungen nach sich ziehen kann.

Im Bereich Schule sind die jeweiligen Schulleitungen gehalten, den Richtlinien zufolge zu prüfen, unter welchen konkreten Arbeitsbedingungen welche konkreten Tätigkeiten vollzogen werden müssen und ob und in welchem Umfang jede Lehrkraft die erforderlichen Arbeitsabläufe, Arbeitszeiten und sonstigen Berufshandlungen durchführen kann. Besonderes Augenmerk ist dabei insbesondere auf schutzwürdige Personen zu richten.

Die bayerische Staatsregierung hat den Leitsatz des Primats der Gesundheit als erste Säule des staatlichen Handelns mehrfach herausgestellt, die bisherigen kultusministeriellen Verlautbarungen tragen diesem Primat in vollem Umfang Rechnung.

Gesundheitsvorsorge und Gesundheitsfürsorge des Dienstherren beziehen sich auf Schüler/innen, Lehrkräfte und sonstiges Schulpersonal. Alle genannten Personengruppen müssen gleichermaßen vor Exponierungen bzgl. des Virus geschützt werden, insbesondere die Risikogruppen mit Vorerkrankungen und Überschreiten einer bestimmten Altersgrenze.

  1. Konsequenzen für schulpsychologisches Handeln

Die Schulpsychologie tut gut daran, sich verstärkt zur Fürsprecherin und Wegbegleiterin der physischen und psychischen Gesundheit in der Organisation Schule aufzustellen. Es gilt auch und gerade in der Corona beherrschten Zeit, die spezifischen Beiträge der Schulpsychologie mit ihrem besonderen Zuschnitt für die Schule, immer wieder neu herauszustellen.

In einem besonderen wie weitesten Sinne dient die schulpsychologische Expertise der Ermöglichung und dem Erhalt von Leistungsfähigkeit und Gesundheit in der Schule. Am augenscheinlichsten sichtbar z.B. bei den bekannten und bewährten Beiträgen zur Mobbingintervention, der Krisen- und Notfallpsychologie, dem professionellen Support durch psychologische Angebote für Lehr- und Führungskräfte wie Supervision, Coaching oder Trainings zum Stressmanagement (AGIL) u.a.m., die in der Schulwirklichkeit mittlerweile verankert und etabliert sind.

In der gegenwärtigen pandemischen Situation erscheint es als eine besonders wichtige Aufgabe der Schulpsychologie, dass Schülerinnen und Schüler mit psychischen Vorbelastungen oder akuten Symptomen bzw. Auffälligkeiten einen schnellen und unkomplizierten Zugang zu einem besonderen schulpsychologischen Monitoring vor Ort haben. Vordringlich müssen bestehende (Leistungs-)Ängste und depressive Episoden sowie Belastungsstörungen aktuell abgeklärt und vor Ort in den multiprofessionellen Teams aufgefangen und ggf. in speziellen außerschulischen Settings behandelt werden.

Der Schulpsychologin/dem Schulpsychologen kommt nicht nur im innerschulischen Krisenteam eine zentrale Bedeutung zu, sondern auch im schulpsychologischen Alltagshandeln in der Versorgung der Klientel aus der Schülerschaft und dem Kollegium.

Die Profession Schulpsychologin/Schulpsychologe erfordert es – wie so oft und wie in anderen Krisen auch – berechtigte Partialinteressen von Mitgliedern der Schulgemeinschaft sowie die Verpflichtung zum Schutz der eigenen Gesundheit und der von anderen auszubalancieren und die entstehenden Ambiguitäten auszuhalten.

  1. Schlussbemerkungen

Um den gegenwärtigen und zukünftigen Folgen dieser und künftiger pandemischer Entwicklungen angemessen begegnen zu können, brauchen die Gesellschaften und somit die Bürger/innen in ihren verschiedenen beruflichen und privaten Rollensegmenten als Familienangehörige und Berufstätige unter vielen anderen

  • vernetzt denkende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die den Erkenntniswert ihrer jeweiligen Wissenschaft – im Sinne von Habermas ein technisches, kommunikatives, emanzipatorisches oder ökonomisches Interesse – zur Verfügung stellen, ohne den jeweiligen Erkenntniswert zu verabsolutieren
  • vernunftbegabte und aufgeklärte Mitbürgerinnen und Mitbürger, die die Meinungsflut der verschiedenen Partialinteressen ertragen und diese dem gültigen Wertekanon in der Gesellschaft entsprechend sortieren und hierarchisieren können (Containing-Konzept)
  • kluge, präsente und unabhängige Politikerinnen und Politiker, die notwendige Entscheidungen in der Ausgewogenheit von Gesinnungs- und Verantwortungsethik zwischen persönlichen partiellen Interessen und Gemeinwohlinteressen treffen
  • selbstreflexive, strukturierte und Verhaltensgrenzen einfordernde Lehrkräfte, deren Handlungen und Werthaltungen nachahmenswert erscheinen und die über Meinungsführerschaft und Expertise zu Autoritäten wachsen
  • unaufgeregte und zugewandte Psychologinnen und Psychologen in den Praxen, Kliniken und in den Organisationen, die den Menschen Wege in und aus der Angst heraus aufzeigen können.

Anmerkungen

0  „Wir haben massiv unterschätzt, in welchem Ausmaß Infizierte ohne Beschwerden das Virus weitergeben“, so der Direktor des Centre for Systems Biomedicine an der Universität Luxemburg Rudi Balling in einem SPIEGEL-online Interview vom 23.07.2020. Seit dem ersten Peak vom 25.03.2020 im 600 000 Einwohner umfassenden Großherzogtum Luxemburg mit 170 Neuinfektionen/Tag war die Infektionsrate durch Lock-down, Grenzschließung und weitere Hygienemaßnahmen am 05.06.2020 auf täglich 3 Neuinfizierte heruntergefahren worden. Die anschließenden Lockerungsmaßnahmen hatten am 15.07.2020 zu einem zweiten Peak mit einer Neuinfektionsrate von täglich 163 Fällen geführt. Am 15.07.2020 hat das Auswärtige Amt eine Reisewarnung für Luxemburg veröffentlicht.

1   Während der psychoanalytisch geprägte Begriff der Angstabwehr auf die Regulierung innerpsychischer, oft unbewusster inkompatibler Tendenzen (Triebe, Wünsche, Motive, Werte) rekurriert, beschreibt der aus der Stressforschung und dem kognitivem Paradigma stammende Begriff Coping ein auf eigenes Handeln bezogenes bewusstes Denk- und Handlungsmuster inklusive der notwendigen Emotionsregulierung.

2   Frankfurt vom 10.05.2020 (Gottesdienst einer freien baptistischen Kirche), im Landkreis Leer in Niedersachen am 15.05.2020 (Besuch einer Wiedereröffnungsfeier in einem Restaurant),  in Göttingen am 23.05.2020 (religiös motivierte private Feiern/unerlaubte Öffnung einer Shisha Bar)

3  Zum Vergleich: Bei der zwischen 1889 und 1895 in drei Wellen verlaufenen russischen Grippe (Erreger möglicherweise ein Coronavirus) starben weltweit ca. 1 Million Menschen; bei der spanische Grippe (Influenza-Pandemie zwischen 1918 und 1920) verloren innerhalb der drei Pandemiewellen schätzungsweise zwischen 25 und 50 Millionen Menschen ihr Leben. Vergleichszahlen Todesfälle Stand 25.07.2020 (RKI): Deutschland N=9118 und Bayern N=2619)

4  In China hatte die anfängliche Nichtinformierung der Zentralregierung in Peking durch die regionalen Behörden das Ziel, durch Verleugnung der Beschämung zu entgehen. Die Etikettierung von covid 19 als eine meist milde verlaufende Form einer Grippeerkrankung sowie der anfänglich vielerorts bezweifelte Schutz von Mund- und Nasenmasken, gingen ebenfalls in die Richtung einer Bagatellisierung, wohl auch, um vorhandenes Nichtwissen bzw. Lieferengpässe zu verbergen.

5  Die Mitte Juli 2020 aufgetretenen öffentlichen Alkoholexzesse auf den Partymeilen von  Mallorca ohne Masken und Abstand führten zu einer Schließungsanordnung für die betreffenden Lokalitäten durch die mallorquinische Regierung für zwei Monate und veranlassten den balearischen Tourismusminister zur Äußerung: “ Wir wollen diese asozialen Touristen hier nicht haben.“

Literaturangaben

Norbert Groeben  et al.: Das Forschungsprogramm subjektive Theorien. Eine Einführung in die Psychologie des reflexiven Subjekts. Tübingen 1988

Jürgen Habermas: Erkenntnis und Interesse. Frankfurt 1968